Branchenüberblick

Zwischen Corona-Delle und PV-Welle

Gottfried Rotter über die aktuelle Lage der Elektrotechniker, neue Ausbildungsansätze und einen "Quantensprung" bei Kalkulation und Angebotslegung.

Die 2020 entfallenen Tage der Elektrotechnik werden heuer mit den ursprünglich geplanten Vortragenden nachgeholt.

Gottfried Rotter ist Referent der Bundesinnung sowie Geschäftsführer von e-Marke, EDS und Haus der Elektrotechnik GmbH. Im Gespräch mit ELEKTROPRAXIS spricht er über das starke Ost-West-Gefälle, über sein Herzensprojekt EDS Data und warum er keine Pleitewelle befürchtet, aber eine Anwendung des Bestbieterprinzips fordert.

Wie ist denn die Stimmung in der Elektrotechnik, Herr Rotter?

Gottfried Rotter: Störungstechnik und Baustellen laufen noch recht gut, selbst in der Krise. Wir befürchten allerdings, dass wir das schlechte Jahr erst heuer erleben werden. Nicht weil uns die Lust zum Arbeiten fehlt. Sondern weil die Branchen, die 2020 stark betroffen waren – also vor allem Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel – die Hauptklientel des B2B-Geschäfts der kleineren Elektrotechniker sind.

Derjenige, der auf einer Großbaustelle mit 500 Wohnungen arbeitet, wird das nicht mitbekommen. Aber es ist zu befürchten, dass unsere Kunden in den genannten Branchen wirtschaftlich Schaden gelitten haben in den Lockdowns, womit das Geld für Investitionen wahrscheinlich heuer und vielleicht auch kommendes Jahr nicht in dem Ausmaß vorhanden ist.

Kündigt sich das bereits an?

Rotter: Noch nicht. Wer ohnehin umbauen wollte und über Reserven verfügt, hat Projekte zuletzt eher sogar vorgezogen. Aber diese Branchen sind in Österreich tendenziell klein strukturiert und mit Eigenkapital nicht so gut ausgestattet, um es vorsichtig auszudrücken.

Im Bau wird man nichts spüren, weil diese Projekte meist fremdfinanziert, kapitalgedeckt und langfristig geplant sind. Aus diesem Bereich stammen in etwa 30 bis 40 Prozent der Umsätze des Elektrotechnikers. Dagegen kommen 25 Prozent aus dem B2B-Bereich – mit starkem West-Ost-Gefälle.

Sorge um den Westen

Wie groß würden Sie die Delle für die Branche einschätzen?

Rotter: Dafür bräuchte ich eine große Kristallkugel, weil nämlich zwei Entwicklungen möglich sind: Die Regierung hat bislang gute Instrumente zur Ankurbelung der Wirtschaft gefunden, zuletzt die AWS-Investitionsförderung. Wenn sich das fortsetzt, sieht es gut aus. Sorgen mache ich mir aber um den Westen Österreichs, wo viele Regionen praktisch ausschließlich von Hotellerie und Tourismus leben.

Ein weiteres großes Problem ist die Situation der Beleuchter und Beschaller sowie teilweise der Kommunikationselektroniker durch den Totalausfall in der Kultur- und Veranstaltungsbranche. Ich bin aber guter Dinge, dass sich diese Berufszweige rasant erholen, sobald es – hoffentlich im Sommer – wieder mit Veranstaltungen, Festen und Konzerten losgeht.

Wird die für 2020 befürchtete Pleitewelle auch die Elektrotechnik erreichen?

Rotter: Diese Gefahr sehe ich nicht. Auch nicht für die Beleuchter und Beschaller, wenn es gelingt, sie mit Unterstützungsmaßnahmen durch die nähere Zukunft zu begleiten.

Freilich muss man für die Zeit danach dringend an die Politik appellieren, den Fokus auf heimische Wertschöpfung zu legen. Am Donauinselfest etwa finden wir häufig tschechische und ungarische Auftragnehmer vor, die dort die Bühnen auf- und abbauen und für die technische Ausstattung sorgen. Das Bestbieterprinzip gibt es ja, man müsste es nur anwenden. Auch ließe sich bei der Ausschreibung eine Service-Anfahrt von unter einer Stunde verlangen.

Personalnot abfedern

Spielt bei der Initiative Elektropraktiker.at die Hoffnung mit, die brachliegende Arbeitskraft der Beleuchter und Beschaller für die Elektrotechnik zu nutzen?

Rotter: Die Elektropraktiker-Initiative ermöglicht eher eine Umschichtung zwischen den Branchen. Glaubt man den Ansagen der Politik, wird in Zukunft viel in PV-Anlagen, Steuerungen und Energiemanagement-Systeme investiert. Gleichzeitig werden in anderen Branchen wie der Automobil- und Autozulieferindustrie Stellen abgebaut.

Die Idee ist nun, handwerklich ausgebildeten Menschen das Arbeiten mit Strom näherzubringen und diese in zwei Monaten zur ausgebildeten Hilfskraft zu entwickeln. Der Monteur wird dadurch natürlich nicht ersetzt, aber wir können unsere künftige Personalnot und den Lehrlingsmangel ein wenig abfedern.

Wie sieht der Zeitplan bei der Umsetzung aus?

Rotter: Ende Februar/Anfang März startet der Kurs in Wien. Die Steiermark und Oberösterreich sind noch etwas früher dran. Aufgrund des hohen Praxisbezugs sind die Kurse auf 20 Teilnehmer pro Veranstaltung beschränkt und bereits ausgebucht. Auch potenzielle Arbeitgeber haben sich schon gemeldet.

Das Ganze wird in Zusammenarbeit mit dem AMS umgesetzt. Im ersten Schritt schulen wir Menschen, die eine handwerkliche Ausbildung absolviert haben. In einem zweiten Schritt wollen wir die Ausbildung auch anderen anbieten, beispielsweise EVUs, die ihre Helfer fortbilden wollen. Nach dem ersten Praxistest wollen wir das Projekt über ganz Österreich ausrollen.

Und danach folgt eine Image-Kampagne?

Rotter: Die kommt in etwa ab März, zielt aber vor allem auf den Lehrlingsnachwuchs ab. Handwerk ist krisensicher und hat heute mehr denn je goldenen Boden. Die Botschaft an die Jungen: Trag was bei! Sei ein Teil der Energiewende! Wenn wir die Energiewende nicht umsetzen, wird es sie nicht geben.

Worum geht es bei der neuen Befähigungsprüfung im Ausbildungsbereich?

Rotter: Sichtbar werden diese Bestrebungen unter anderem bei der neuen Ausbildung für die Befähigungsprüfung, die künftig NQR 6-Level haben und damit dem Bachelor-Studium gleichgestellt sein wird. Es wird also somit eine Art Zentralmatura für den Meister geben. Erweitert wird die Ausbildung dabei um unternehmerische Bereiche wie Marketing, Kommunikation, Digitalisierung und Kalkulation. Gelten wird die Verordnung voraussichtlich ab 2022, was bedeutet, dass wir ab September nach dem neuen Lehrplan unterrichten können.

Ist nach Corona wieder vor dem Fachkräftemangel – trotz möglicher Einbrüche in Gastronomie und Hotellerie?

Rotter: Der klassische Mischbetrieb in der Elektrotechnik hat nicht nur ein Standbein. Daher hoffen wir, dass der Boom bei erneuerbaren Energien Rückgänge in anderen Bereichen mehr als kompensieren wird.

"Smart Grids und dezentrale Stromversorgung kann ich nur befürworten"

Ob 100.000-Dächer- oder 1-Million-Dächer-Programm, ob KLIEN-Fonds oder EAG-Gesetz – die Politik ist schnell mit Ankündigungen, aber langsam in der Umsetzung. Was macht Sie zuversichtlich, dass nun etwas vorangeht?

Rotter: Letztes Jahr ist Corona-bedingt viel gestanden, das stimmt. Mit dem EAG-Gesetz sollten jedoch bald alle Hürden aus dem Weg geräumt sein. Auch der KLIEN-Fonds wurde im Dezember 2020 wieder gestartet – und das gleich bis Ende 2022.

Die ersten Schritte sind somit gemacht und die Töpfe gefüllt. In Schwebe ist noch die OeMAG-Förderung, aber das betrifft weniger den kleinen Elektrotechniker, sondern eher Großanlagenbauer wie die Energieversorger.

Kritisiert wurde, dass die Einspeiseförderung für Kleinanlagen wegfällt ...

Rotter: Kommt darauf an, was man unter einer Kleinanlage versteht. Der Elektriker hat da wohl eher das Einfamilienhaus vor seinem geistigen Auge, das sowieso noch nie eine Einspeiseförderung bezogen hat.

Es ist immer schade, wenn eine Förderung wegfällt. Ziel muss aber sein, Anlagen so zu bauen, dass sie der Eigenversorgung dienen. Die Idee des maximierten Eigenverbrauchs, der Smart Grids und dezentraler Stromversorgung kann ich nur befürworten. Unsere Leitungen werden wir für die Übertragung der Windenergie brauchen, um die Versorgung im Winter sicherzustellen.

Ist Windkraft mittlerweile ein Thema für die e-Marke und deren Mitglieder?

Rotter: Wir warten noch immer auf effiziente Kleinwindkrafträder. Die Nachfrage des Marktes – beispielsweise nach kleinen Firstanlagen – wäre vorhanden, die Technologie hinkt aber hinterher. Sobald diese verfügbar ist, werden wir Schulungen anbieten und das Geschäftsfeld wird sich schnell durchsetzen.

Die Haus- und Hofnorm der Elektrotechniker

Wie geht es sonst im Schulungsbereich des Hauses der Elektrotechnik weiter?

Rotter: Wir schulen auch weiterhin sehr stark auf die OVE E 8101 als Haus- und Hofnorm der Elektrotechniker. Inzwischen haben wir bei den theoretischen Grundlagen einen so guten Ausbildungsstandard erreicht, dass wir zunehmend einen Fokus auf die Praxis legen. 

So zeigen wir, wie diverse Fehlerquellen mit unterschiedlichsten Messgeräten aufgespürt werden. An unseren beiden großen Standorten in Innsbruck und Wien haben wir dafür ein „Mess-Wunderland“ aufgebaut – ein Messlabor, das Fehler unter anderem von einer Straßenlaterne, vom Kleinspannungsmasten, von Erdungsschienen oder von Erdkabeln aufzeigen kann. Kursteilnehmer lernen zu messen, das Messergebnis richtig zu interpretieren und den Fehler zu beheben.

Bei diesen Veranstaltungen bieten wir nun einen Tag Theorie und einen Tag Praxis. Das gleiche gilt für Kurse zum Arbeiten unter Spannung. Es macht einen Riesenunterschied an, ob ich das theoretisch lerne oder tatsächlich auf einen Holzmast klettere und unter realen Verhältnissen arbeite.

Schon jetzt – und in Zukunft noch mehr – achten wir auch darauf, dass unsere Kursabsolventen eine Ahnung von E-Mobilität, Photovoltaik und erneuerbarer Energie haben. Ende Februar halten wir daher erstmals eine zweitägige Schulung zur E-Mobilität ab, den E-Mobility-Check 2.0 – sofern die Corona-Maßnahmen dies zulassen. Nach jeweils einem Tag Theorie und Praxis folgt eine Prüfung.

Welche Auswirkungen hatte Covid-19 auf die Tätigkeiten der e-Marke?

Rotter: Die Kooperation mit dem ORF lief weiter. Die Tage der Elektrotechnik mussten leider entfallen. Die ursprünglich für 2020 geplanten Veranstaltungen werden von Ende September bis Mitte Oktober 2021 nachgeholt.

Unser energieautonomes Haus haben wir neu bestückt. Im Juni wollen wir alle Sonepar-Niederlassungen und einzelne Berufsschulen besuchen, um das Konzept im Rahmen von Vorträgen herzuzeigen.

Welche Industriepartner sind mit von der Partie?

Rotter: Sonepar stellt Steuerung und Energiemanagementsystem in Kooperation mit Euro Unitech zur Verfügung. Für die Photovoltaik-Bestückung, Speichertechnologie und Wallboxen sorgt Energy 3000, OBO hingegen für Blitz- und Überspannungsschutz. Erstmals mit dabei ist Siemens. Der Hersteller stellt sein Schutzkonzept inklusive AFDD-Schalter vor. Und easyTherm wird wieder die Werbetrommel für die Infrarotheizung rühren.

Gemeinsame Datenbank mit Vertriebsstart im Herbst

Sie sind auch Geschäftsführer der EDS. Welche Neuigkeiten gibt es vom Software-Haus zu berichten?

Rotter: Wir haben ein neues Kabeldimensionierungsprogramm herausgebracht, da sich durch die OVE E 8101 viele Berechnungsfaktoren geändert haben. In der Finalphase stehen wir mit EDS Data. Das ist ein Herzensprojekt, an dem wir seit Jahren gemeinsam mit den deutschen Kollegen von der Meta GmbH arbeiten. Wir haben die Betaversion bereits getestet und ich kann nur sagen: EDS Data sieht nicht nur cool aus, es ist ein echter Quantensprung!

Wir machen uns dabei die gemeinsamen Daten zunutze, über die wir in Österreich, Deutschland und der Schweiz verfügen. So haben wir beispielsweise Bauzeitenfaktoren verglichen und immer wieder adaptiert. In der Kalkulationshilfe findet das seinen Niederschlag. Bei den Bauzeiten sind wir in den drei Staaten bei der Kalkulation innerhalb einer Spanne von plus/minus fünf Prozent. Die Deutschen und Österreicher haben auch ähnliche Preissätze.

Wenn ich nun also einen europäischen Lieferanten wie Jung habe, kann ich eine gemeinsame Datenbank aufsetzen. Das haben wir mittlerweile gemacht, der Server liegt in München. Über EDS Data werden Kalkulation, Leistungsbeschreibung und anderes mehr sodann zentral abgefragt. Der Elektrotechniker gibt sein Produkt zum Bruttopreis ein und kann sich einen zertifizierten Leistungsnachweis herunterladen, in dem für jedes Produkt ein Bild, ein Schaltplan etc. hinterlegt sind.

Die Plattform wird gemeinsam mit den deutschen Kollegen betrieben, befüllt und aktualisiert. Elektriker erhalten einen individuellen Zugang mit Länderkennung und Autorisierungsbereichen. Das ist ideal zum Suchen sowie für Kalkulation und Anbot bei größeren Aufträgen. 

Was das Programm kann, muss man herzeigen. Daher wird der Vertriebsstart nicht – wie ursprünglich geplant – bei der Corona-bedingt entfallenen Stammtischrunde, sondern im Frühherbst bei den Tagen der Elektrotechnik erfolgen.