Interview

Zwischen PV-Boom und Lieferengpässen

"Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht" sagt Bundesinnungsmeister Andreas Wirth. Doch das haben nicht alle, meint er ...

Energie EAG Bundesinnung Photovoltaik

Den Solateuren geht die Arbeit nicht aus – aber vielleicht schon bald das Material, fürchtet Andreas Wirth. Im Interview spricht der Bundesinnungsmeister über die Elektropraktiker-Initiative, einen Schildbürgerstreich im Burgenland,  und seine Haltung zu Freiflächen-Anlagen.

Die Elektropraktiker-Initiative der Innung soll dem Arbeitskräftemangel bei der PV-Montage abhelfen. Wie ist hier der Status-quo?

Andreas Wirth: Vier Bundesländer – Oberösterreich, die Steiermark, Salzburg und Wien – setzen diese Ausbildung bereits um. Momentan sind wir mit AMS-Vorstand Johannes Kopf in Kontakt, um das Projekt in allen Bundesländern auszurollen. Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Ich gehe davon aus, dass die Ausbildung noch heuer fix ins AMS-Programm aufgenommen wird. Die ersten Absolventen wurden bereits in Beschäftigungsverhältnisse übernommen. Wer fertig ausgebildet ist, bekommt auch einen Arbeitsplatz.

Aus welchen Berufsfeldern kommen die Lehrgangsteilnehmer?

Wirth: Bevorzugt suchen wir Menschen mit handwerklicher Begabung bzw. mit entsprechendem Interesse. Das ist nicht immer ganz einfach. Obwohl es viele Arbeitslose gibt, will nicht jeder unbedingt arbeiten, wie es scheint. Die konkreten Auswahlkriterien wurden von den AMS-Stellen in den jeweiligen Bundesländern festgelegt. 

"Freiflächen-Anlagen stehe ich kritisch gegenüber"

Welche Aktivitäten von der Bundesinnung gibt es sonst zurzeit im PV-Bereich?

Wirth: Wir bereiten gerade eine Kampagne vor. Es geht uns darum, dass Photovoltaik-Anlagen primär auf Dächern und versiegelten Flächen installiert werden sollten. Freiflächen-Anlagen stehe ich kritisch gegenüber: Zum Ersten bleibt die Wertschöpfung häufig nicht in Österreich. Zum Zweiten wird Strom nicht dort produziert, wo er verbraucht wird. Und zum Dritten bringen Freiflächen-Anlagen die Netzkapazitäten an ihre Grenzen. In Burgenland haben wir bereits die Situation, dass PV-Anlagen über 20 kWp nicht ans Netz genommen werden.

Was unternimmt die Bundesinnung, um zu verhindern, dass Projekte über 20 kWp im Burgenland auf den Sankt-Nimmerleins-Tag – die Rede ist von 2029 – verschoben werden?

Wirth: Wir verweisen die Betroffenen an die e-Control. Dort läuten bereits die Alarmglocken, die Verantwortlichen sehen sich jede Anlage an. Danach wird ein Schlichtungsverfahren eingeleitet. Inzwischen wurden erste Projekte bewilligt, die zunächst abgelehnt worden waren. Wir werden weiter massiv Druck machen. Im Ergebnis werden wir vielleicht nicht alle Projekte über 20 kWp, aber zumindest eine große Zahl ans Netz bringen – bis das Land endlich nachrüstet und das Netz ausbaut.

Bei der Kritik an Freiflächen-Anlagen stimmen Sie mit den politischen Entscheidungsträgern vieler Bundesländer überein. Läuft man hier offene Türen ein?

Wirth: Ich habe schon den Eindruck, dass gewisse Landeshauptleute eher in Richtung Freiflächen-Anlagen optieren. Es bringt aber nichts, die Landschaft mit Freiflächen-Anlagen vollzupflastern. Für eine sinnvolle Energiewende gilt es auch darauf zu achten, dass der erzeugte Strom bestmöglich verbraucht wird. Es heißt zwar immer „Dächer vor Freiflächen“, aber die Realität sieht anders aus. Ich befürchte eine deutliche Beschleunigung der Entwicklung mit dem EAG.

Unkomplizierte Förderung für PV-Anlagen bis 50 kWp

Kann man aus Sicht der Bundesinnung mit dem EAG zufrieden sein?

Wirth: Wir haben uns bemüht, in der Begutachtungsphase und der Entwicklung des EAG so gut wie möglich mitzuwirken. Einige unserer Anregungen und Kritikpunkte wurden aufgenommen, andere nicht. Kompromisse und Abschläge mussten gemacht werden. Zurzeit erweist sich der KLIEN-Fonds als die einzige funktionierende Photovoltaik-Förderung. Die OeMAG-Förderung war sofort ausgeschöpft. Nun geht auch der KLIEN-Fonds zur Neige.

Was würden Sie sich diesbezüglich wünschen?

Wirth: Förderungen für Photovoltaik-Anlagen bis 50 kWp sollten so einfach und unkompliziert beantragt und in Anspruch genommen werden können, wie dies bereits beim KLIEN-Fonds gehandhabt wird. Das Gleiche sollte für Kleinspeicher gelten. Die Erfahrung zeigt, dass gerade kleine und mittlere Anlagen oftmals nicht installiert werden, wenn die Förderbedingungen zu aufwändig ausfallen. Der Fördertopf selbst müsste dringend aufgestockt werden.

"Viele Lieferanten sind auf Tauchstation gegangen"

Sie haben zuletzt kurzfristige Preiserhöhungen der Lieferanten kritisiert und sich für Kurzarbeit aufgrund der allgemeinen Materialknappheit eingesetzt. Gibt es hier neue Entwicklungen?

Wirth: Bis Ende 2022 können Betriebe Kurzarbeit in Anspruch nehmen, dieses Ziel wurde bereits erreicht. Für Unternehmen mit vielen Mitarbeitern, die beispielsweise auf Baustelle arbeiten und kein Material mehr bekommen können, ist das ein wichtiges Instrument. Leider hat inzwischen so mancher Lieferant bekannt geben, die Preise abermals drastisch zu erhöhen. Es gilt zu unterscheiden zwischen Materialengpässen und Materialteuerung. Für ersten Fall haben wir die Kurzarbeit. Bei bevorstehenden Preiserhöhungen würde ich mir wünschen, dass diese so früh wie möglich kommuniziert werden – bereits dann, wenn sie andiskutiert werden. Viele Lieferanten sind jedoch auf Tauchstation gegangen. Wir als Elektrotechniker kalkulieren im Umgang mit Endkunden und Auftraggebern meist mit Pauschalbeträgen. Es ist schon unfair genug, wenn solche Preiserhöhungen mitten im Jahr stattfinden. Ausschreibungen finden häufig zu Anfang oder Ende eines Jahres statt.

Welche Rolle spielt der Materialmangel in der Photovoltaik-Branche?

Wirth: Die Arbeit geht uns weder in der Elektrotechnik noch in der Photovoltaik aus. Das hilft aber nichts, wenn beispielsweise kein Aluminium mehr verfügbar ist, aus dem Rahmen und Untergestell der PV-Paneele gefertigt werden. Man wird sehen, welche Auswirkungen derartige Entwicklungen auf die Lieferfähigkeit haben. Bei Stromspeichern beträgt der Lieferverzug bereits mehrere Monate. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und fleißig verkauft. Bei der Industrie hat man sich zu wenig darum gekümmert, vorausschauend zu produzieren. Jahrelang wurde uns Elektrotechnikern vorgegaukelt, wir bräuchten keine Lager, da wir tagesaktuell beliefert würden. Und jetzt lässt man uns im Stich.