Elektrotechnik-Professorin Karin Eichinger : „Ihr seid diejenigen, die die Welt retten werden“

Das Technikinteresse der Mädchen ist vorhanden, meint Eichinger. Es fehlt an der Sichtbarkeit der beruflichen Möglichkeiten.

Karin Eichinger ist Professorin für Elektrotechnik am TGM.

- © OVE

Elektropraxis@Punktum: Beginnen wir von vorne. Wie sind Sie denn am TGM gelandet?

Karin Eichinger: Ich habe – und das ist wahrscheinlich mit ein Auslöser – einen Vater, der als Vollbluttechniker mehr oder weniger sein ganzes Leben lang in der Elektrotechnik-Branche tätig war,

Sie sind also quasi hineingewachsen?


Eichinger:
Ja, allerdings war mein Werdegang ein bisschen speziell. Ich bin acht Jahre lang in eine reines Mädchengymnasium gegangen, dort habe ich mich besonders für Physik, Mathematik und Chemie interessiert. Durch diese Motivation, die ein gutes Notenbild ergeben hat, habe ich mir dann nach der Matura im Endeffekt alles zugetraut. Und das war gut so, denn das hat mir den Schritt zum Elektrotechnik-Studium auf der TU ermöglicht, um mich dort ganz kräftig auf den Boden der Realitäten zurück zu holen (lacht).

Anschließend an das Studium bin ich zur Siemens AG gewechselt. Während meiner Karenzzeit hat sich dann ein Kontakt zum TGM ergeben. Und vielleicht noch ergänzend: Ich habe zwar das Elektrotechnik-Studium abgeschlossen, aber die Idee, schon nach der Matura ins Lehramt zu gehen, war auch da. Nur hat es damals geheißen, dass es keinen Bedarf an Lehrkräften gibt. Es war für mich keine Notlösung, sondern etwas, was in meinem Werdegang schon immer einen Platz gehabt hat.

Sie können sich bestimmt noch an Ihre erste Schulstunde erinnern. Wie war die?


Eichinger:
Die war von Nervosität geprägt, und zwar von durchaus großer (lacht). Aber ich bin dann nach Hause gekommen und habe festgestellt: Es sind ja doch nur Kinder. Beim Hineingehen in die Klasse war für mich sofort klar, dass ich mich in diesem Umfeld wohlfühle. Ich habe von Beginn einen guten Draht zu den Schüler*innen gefunden. Wobei ich jetzt so selbstverständlich Schülerinnen sage, das Gendern mache ich ja aus Prinzip.

Möglichkeiten sichtbar machen

Haben Sie heute mehr Schülerinnen als vor 20 Jahren?

Eichinger:
Ja. Es tut sich schon ein bisschen etwas, aber es ist immer noch viel zu wenig. Wobei wir vor allem unter den Erwachsenen im Kolleg für erneuerbare Energien zunehmend mehr weibliche Hörerinnen haben. Da sind wir – schwankend zwar – bei 50 Prozent und mehr weiblichem Anteil. In der Tagesschule ist das ganz anders.

Was hindert Mädchen daran, in die Technik zu gehen?


Eichinger:
Ich glaube, die Sichtbarkeit der Möglichkeiten. Eine Kollegin hat mir einen Artikel auf meinen Tisch im Lehrerzimmer gelegt. Da geht es um die Sichtbarkeit des Frauenfußballs. Wenn man von Fußball spricht, entsteht in unseren Köpfen das Bild vom Männerfußball. Jetzt hatten wir die Frauen-WM und auf einmal gibt's junge Mädchen, die sagen, ich möchte gern Fußball spielen. Es ist die Sichtbarkeit. Es ist nicht, dass kein Interesse da wäre. Es geht darum, dass man ihnen zeigt: Es gibt diese Möglichkeit. Bitte nutzt sie, wenn sie euch interessiert.

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Karin Eichinger
Das Technikinteresse der Mädchen ist vorhanden, meint Eichinger. Es fehlt an der Sichtbarkeit der beruflichen Möglichkeiten. - © Karin Eichinger/privat
Die Branche ist das Zukunftsträchtigste, was es überhaupt nur gibt momentan. Ohne Strom geht gar nichts.

Bedeutung der Branche nimmt stetig zu

Wie sehen Sie das Zukunftspotenzial der Branche? Wo wird es hingehen?

Eichinger:
Die Branche ist das Zukunftsträchtigste, was es überhaupt nur gibt momentan. Man sieht ja, ohne Strom geht gar nichts. Und der Strom kommt nun mal nicht aus der Steckdose, sondern wird in den Kraftwerken produziert. Wir sind momentan in der Ausbildung der Schüler*innen in den Erneuerbaren genau dort, wo wir in den nächsten Jahrzehnten hin müssen. Das steht für mich komplett außer Zweifel. Die Branche kann nur an Bedeutung gewinnen. Es ist auch schön, das so vermitteln zu können. Ich gehe in die Klasse hinein und sage, ihr seid diejenigen, die die Welt retten werden. Ihr seid genau dort, wo man euch branchentechnisch braucht. In der Technik, in der Elektrotechnik, in den Erneuerbaren. Wir können gar nicht genug Leute ansprechen, ausbilden und dann in die Branchen entlassen, wie benötigt werden.

Wie kann man die Schüler*innen am besten auf Ihre zukünftigen Jobs vorbereiten?


Eichinger:
Ich komme gerade aus einer fünften Klasse, die wir für den Maturajahrgang vorbereiten ­– ganz besonders in den Stunden, aus denen ich gerade komme: Die Betreuung der anstehenden Diplomarbeit. Da haben wir wirklich eine Riesenmöglichkeit. Wir arbeiten mit kleinen Gruppen und können den Übertritt schaffen, wo sich die Schüler*innen einfach einmal in ein Projekt, dem sie so oder in ähnlicher Form später mal begegnen werden, hineindenken. Jetzt sind sie noch in einem geschützten Rahmen und dabei lernen sie unglaublich viel. Sie lernen Stress, sie lernen Projektmanagement, sie lernen neue Inhalte, sie lernen auch zu erkennen, ich habe eine Aufgabenstellungen vor mir und niemanden, der mich sofort an die Hand nimmt und jeden zu gehenden Schritt vorgibt. Sie lernen Selbstständigkeit und bekommen auch vermittelt, dass es ganz normal ist, mit einem Projekt anzufangen und noch nicht ganz genau zu wissen, was man alles tun muss.

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Sie sind Vollblutlehrerin, das merkt man.

Eichinger:
Ja, das bin ich wirklich. Dazu fällt mir etwas Aktuelles ein, das mich einfach sehr berührt hat. In der letzten Maturaklasse war ein junger Bursche dabei, der ohne Probleme bis in die fünfte gekommen ist und dann aufgrund verschiedener Schwierigkeiten einen Leistungsabfall hatte. Ich habe ihn mir im Rahmen eines Diplomarbeits-Betreuungszeitraums, wo man mehr Zeit hat, um detaillierter mit den Schüler*innen zu sprechen, hergeholt und gefragt, was eigentlich los ist. Dann sitzt der Bursche da neben mir, ich habe noch gar nichts gesagt und ihm laufen dem die Tränen aus den Augen.

Was mich schwer beeindruckt hat, ist dass er ein bisschen mit seinen Schwierigkeiten herausgerückt ist. Er hatte viele Prüfungen offen, es war kurz vor Abschluss des Schuljahres und er wusste einfach nicht mehr, wie er das alles organisieren soll. Und er hat meine Hilfe dann angenommen, das ist wirklich bemerkenswert. Ich habe mit ihm ermittelt, was eigentlich alles offen ist und wir haben die jeweiligen Kolleg*innen gemeinsam angesprochen. Wir haben es wirklich geschafft, mit dem grundsätzlich hochintelligenten Burschen, der sich in kurzer Zeit so motivieren konnte, so nachzulernen, dass er zuerst den Jahrgang abschließen konnte und dann auch ohne Probleme maturiert hat. Wenn ich das erzähle, stellt es mir jetzt noch die Gänsehaut auf. Das hat mich so gefreut. Das ist das, wofür ich lebe.