Ausbau Photovoltaik und Speicher : Europa muss einen Zahn zulegen
2024 kamen weltweit knapp 600 Gigawatt an PV-Kapazität hinzu – der Löwenanteil davon in der Asien-Pazifik-Region inklusive China.
- © Solar Power EuropeFürs erste Terawatt brauchte es fast 70 Jahre ab der Kommerzialisierung der Solarzelle im Jahr 1954. 2023 kamen 449, 2024 weitere 597 Gigawatt hinzu, womit die weltweite Kapazität zu Jahresende bei 2,2 Terawatt lag. Grund dafür sind nicht die Fördermaßnahmen der öffentlichen Hand, sondern die rasch sinkenden Preise. Lag der Anteil der Module an den Systemkosten einer Photovoltaikanlage im Jahr 2005 noch bei rund 75 Prozent, so fiel dieser mittlerweile auf weniger als 30 Prozent. Dies geht aus den Zahlen der Dow-Jones-Preisberichtsagentur OPIS hervor. Und das, obwohl zeitgleich auch Wechselrichter und weitere PV-Komponenten deutlich billiger wurden.
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Treibende Kraft der Energiewende
„Die Sonne ist zweifellos die treibende Kraft der globalen Energiewende“, bekräftigt Walburga Hemetsberger, die aus Österreich stammende Chefin von Solar Power Europe, dem Interessenverband der PV-Wertschöpfungskette. Problematisch sei das regional unterschiedliche Tempo. Was das angeht, hat sich die Asien-Pazifik-Region an die Spitze gesetzt.
Auch mit dem Finger auf China zu zeigen, ist längst nicht mehr angebracht. Der chinesische Solarmarkt legte zuletzt um 30 Prozent oder 329 Gigawatt zu und damit mehr als alle anderen Top-10-Märkte zusammen. 70 Prozent des weltweiten Zubaus in 2024 von knapp 600 Gigawatt kamen aus der Asien-Pazifik-Region.
Mit einem globalen Plus von 85 Prozent war das Jahr 2023 ein absoluter Ausreißer, im Vorjahr ging das Wachstum auf immer noch beachtliche 33 Prozent zurück. Damit wuchs der PV-Anteil am erneuerbaren Elektrizitätsmix abermals um 1,3 Prozentpunkte auf sieben Prozent. Binnen drei Jahren hat der Sonnenstrom seinen Marktanteil nahezu verdoppelt.
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Europa bremst
In Europa hat sich das Wachstum auf 15 Prozent oder 82 Gigawatt verlangsamt. Der PV-Marktanteil beträgt hier jedoch bereits 14 Prozent. Er liegt damit auf dem gleichen Niveau wie in Süd- und Nordamerika, wo das Plus zuletzt 40 Prozent betrug. Rückläufig ist der Photovoltaik-Zubau lediglich im Mittleren Osten und in Afrika – konkret um zwei Prozent auf 14,5 Gigawatt.
Geht es um die Sonnenstrom-Kapazität je Einwohner, stechen drei Länder besonders hervor: Mehr als 1 Kilowatt pro Person haben Deutschland, die Niederlande und Australien aufzuweisen. Der europäische Durchschnitt liegt bei 480 Watt, weltweit gesehen bei 276 Watt pro Kopf.
Für den Zeitraum bis 2030 rechnet der Interessenverband mit drei Szenarien. Für Auftrieb sorgen sinkende Herstellungskosten, die zunehmende Elektrifizierung und Bemühungen um Versorgungssicherheit. Ungewissheit herrscht zurzeit vor allem bezüglich der künftigen politischen Rahmenbedingungen in China.
Letztere dürften zu einer kurzfristigen Stagnation im kommenden Jahr führen, ehe der Markt sein jährliches Wachstum im zweistelligen Bereich fortsetzt. Bis 2029 könnte es so zu einem jährlichen Zubau von 930 Gigawatt (mittleres Szenario) oder gar 1,2 Terawatt kommen (optimistisches Szenario). 1 Terawatt im Jahr scheint damit bis 2030 realistischerweise erreichbar.
Angriffe auf das europäische Energiesystem nehmen zu, auch der Solarsektor war schon von Cyber-Attacken betroffen.Walburga Hemetsberger, Solar Power Europe
Cyberrisiko Wechselrichter
Mit den Cybersecurity-Risken der europäischen PV-Infrastruktur befasst sich eine aktuelle Studie der Risikomanagement-Spezialisten von DNV, die seitens Solar Power Europe in Auftrag gegeben wurde. „Die Angriffe auf das europäische Energiesystem nehmen zu, auch der Solarsektor war bereits von Cyber-Attacken betroffen“, erklärt Hemetsberger.
>>> Im Visier der Hacker: Cybersecurity für Energieversorger
Eine mögliche Eintrittspforte stellen die Wechselrichter dar, die für Updates häufig über eine Internetverbindung verfügen. Denkbar wäre darüber etwa der Zugriff auf die kleiner dimensionierten Aufdach-Installationen. Im Einzelfall wäre der Schaden gering, aufgrund ihrer großen Zahl lassen sich diese PV-Anlagen jedoch insgesamt als riesiges virtuelles Kraftwerk betrachten.
Laut DNV-Analyse kontrollieren rund ein Dutzend Hersteller deutlich mehr als 3 Gigawatt installierter PV-Kapazität in Europa. Solar Power Europe fordert daher einen industriespezifischen Sicherheitsstandard sowie die Beschränkung des Fernzugriffs und der Kontrolle europäischer Photovoltaikanlagen von außerhalb der Europäischen Union.
Bis 2029 erwarten wir eine kumulierte Batteriespeicher-Kapazität von 400 Gigawattstunden in Europa – das ist zu wenig.Walburga Hemetsberger, Solar Power Europe
Sonnenstrom braucht Speicher
Steigende erneuerbare Erzeugung aus volatilen Quellen benötigt entsprechende Speicherkapazitäten. In Zeiten überlasteter Netze und steigender Rückspeisevergütung gilt dies mehr denn je. Der aktuelle „European Market Outlook for Battery Storage“ gießt das in Zahlen. In den vergangenen drei Jahren wurden mehr als 3 Millionen Speicherlösungen für Haushalte und Unternehmen an Europas Netze angeschlossen.
>>> Marktentwicklung bei Großspeichern 2025: Erneuerbar ist speicherbar
Allein 2024 wurden 22 Gigawattstunden neu zugebaut, wodurch sich die Gesamtkapazität auf 61 Gigawattstunden erhöht hat. „Das heißt, ein Drittel der gegenwärtigen europäischen Gesamtkapazität kam in nur einem Jahr hinzu“, verdeutlicht Walburga Hemetsberger.
Bis 2029 wird eine Versechsfachung des jährlichen Wachstums auf knapp 120 Gigawattstunden erwartet. Die gesamte Batteriespeicher-Kapazität sollte dann 400 Gigawattstunden betragen. „Für den Bedarf der Energiewende ist das aber immer noch zu wenig“, so Hemetsberger.
PV braucht Netze
Um in Österreich Klimaneutralität zu erreichen, wird ein Ausbau der installierten Photovoltaikleistung auf 30 Gigawatt angestrebt. Die damit verbundenen Erzeugungsspitzen von bis zu 17,4 Gigawatt stellen das Stromsystem vor große Herausforderungen.
„Unabdingbar sind daher der umfassende Ausbau von Energiespeichern und eine starke steigende Elektrifizierung (Elektrolyseure, E-Mobilität, Wärmeanwendungen), die im Stromsystem zusätzliche Puffer für die schwankende Erzeugung bereitstellen können“, heißt es dazu in einem aktuellen Positionspapier von Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung der heimischen E-Wirtschaft.
Hinzukommen müsse eine umfassende Strategie zur Begrenzung der PV-Einspeisung, die sowohl die Notwendigkeit der Systemstabilität, wie auch die Attraktivität von Photovoltaikanlagen für Betreiber im Auge hat. Das heißt, es geht letztlich um Anreize für „systemdienliches Verhalten“, etwa durch die Umstellung auf ein flexibles, marktintegriertes Vergütungssystem.
Unerlässlich seien Freiflächen-Anlagen. „Um die nationalen Ausbauziele für erneuerbare Energien zu erreichen, müssen die entsprechenden Potenziale parallel zu jenen im Gebäudebereich erschlossen werden“, heißt es im Papier. Essenziell sind Ausbau und Integration von Energiespeichern.
„Ein zunehmend volatiles Stromsystem kann grundsätzlich ausreichende wirtschaftliche Anreize für Speicher- und Flexibilitätsoptionen bieten, sofern diese nicht mit ungerechtfertigten Gebühren und Abgaben belastet werden“, sagt Oesterreichs-Energie-Generalsekretärin Barbara Schmidt. „Regulatorische bzw. gesetzliche Eingriffe in die Preisbildung verzerren hingegen die Marktpreise und hemmen damit die Integration von Energiespeichern.“