Österreichs Mittelspannungsnetze : Netze maximieren, Kosten minimieren?

Bis 2040 werden 44 Milliarden Euro in die Stromnetze investiert. Das Strommarktgesetz muss unter anderem Klarheit in Sachen Finanzierung schaffen.

Bis 2040 werden 44 Milliarden Euro in die Stromnetze investiert. Das Strommarktgesetz muss unter anderem Klarheit in Sachen Finanzierung schaffen.

 

- © Wien Energie

Vorgeprescht war Bundeskanzler Christian Stocker bereits im August in einem „ORF-Sommergespräch“: Darin forderte er die Reduzierung der gegenwärtig mehr als 110 Stromnetzbetreiber auf künftig 80. Dies solle zu Einsparungen führen, die an Stromkund*innen weitergegeben werden. Parallel dazu sollte der Netzausbau über einen Infrastrukturfonds finanziert werden. Ideen, mit denen man sich auch bei der Regulierungsbehörde E-Control anfreunden konnte.

Karin Doppelbauer legte in einer Nationalratssitzung Mitte Oktober nach: „Wir sind uns wohl einig, dass die Zusammenlegung von Netzbetreibern zwar einiges an Strukturreformen erfordern, aber auch die Kosten massiv senken würde.“ Auf Länderebene hofft die Neos-Energiesprecherin auf die Unterstützung der FPÖ.

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Paul Kiendler (VÖEW): „Ein Zusammenschluss von Netzbetreibern führt nicht zu Einsparungen, sondern zu einer deutlichen Kostenerhöhung.“

 

- © VÖEW
Wenn die Energie-Nahversorger gekappt werden, hat das weitreichende Konsequenzen.
Paul Kiendler, VÖEW

Netzbetreiber als Nahversorger

Kritische Stimmen kommen unter anderem von der Vereinigung Österreichischer Elektrizitätswerke. „Wenn die Energie-Nahversorger gekappt werden, hat das weitreichende Konsequenzen“, warnt VÖEW-Vorsitzender Paul Kiendler. „Störungsbehebungen dauern länger, weil Mitarbeitende vor Ort fehlen, Arbeitsplätze und damit die Wertschöpfung in der Region fallen weg.“

In vielen Kommunen würden die regionalen Stromanbieter auch die Infrastruktur in Bereichen wie Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Straßenbeleuchtung oder Glasfaserkabel bereitstellen. Diese Synergien könnten in Zukunft bei der Erschließung und Erweiterung von Siedlungsgebieten wegfallen. Nicht zuletzt verweist Kiendler auf die missglückte Zusammenlegung der Gebietskrankenkassen zur zentralen Gesundheitskasse.

Schon heute würden die Netzbetreiber bei der Beschaffung, beim Betrieb von IT-Systemen, bei der Umsetzung von Energiegemeinschaften und bei der Qualitätssicherung kooperieren. Auch die Branchenplattform für die Marktkommunikation EDA (= Elektronischer Datenaustausch) ist ein Gemeinschaftsprojekt.

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Der angedrohte Kahlschlag unter den kleineren Stadtwerken würde gut eingespielte Abläufe empfindlich stören.
Gerhard Fida, Wiener Netze

Der VÖEW-Chef rechnet so letztlich nicht mit einer Kostensenkung, sondern sogar mit höheren Kosten durch Zusammenlegungen. Ins selbe Horn stößt Gerhard Fida: „Der angedrohte Kahlschlag unter den kleineren Stadtwerken würde gut eingespielte Abläufe empfindlich stören. Ich bezweifle stark, dass diese dadurch billiger oder gar besser würden“, so der OVE-Präsident und Wiener-Netze-Geschäftsführer.

Bei Datenaustausch und Digitalisierung arbeiten die Netzbetreiber gut zusammen. „Für die nächste Smart-Meter-Generation werden wir diese Kooperation nochmals entscheidend stärken müssen.“ Die Hoffnung: den ersten österreichweiten Stromzähler zu definieren. „Als Österreichischer Verband für Elektrotechnik unterstützen wir alle Standardisierungsbestrebungen in diesem Bereich.“

Gerhard Fida (OVE): „Ein Kahlschlag unter den kleineren Stadtwerken würde gut eingespielte Abläufe empfindlich stören.“

 

- © Wien Energie

Günstiger Strom wird Gesetz

Eine seltsame Volte gab es zuletzt beim Elektrizitätswirtschaftsgesetz, das im Marketingsprech zu einem „Günstiger-Strom-Gesetz“ geriet. Die Zustimmung einer der beiden Oppositionsparteien zum neuen Entwurf für die im Parlament benötigte Zweidrittelmehrheit steht aktuell noch aus.

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Unter anderem sollen Anreize für netzdienliches Verhalten geschaffen werden. Wer Speicher errichtet, zahlt unter Umständen kein Netzentgelt. „Auch soll es ohne Speicherkapazitäten keine Förderung mehr geben“, so Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer. Entschärft wurden umstrittene Pläne zu Netzentgelten für Stromeinspeiser. Bezahlt wird erst ab einer Einspeiseleistung von 7 Kilowatt. Allerdings soll dafür das Netzanschluss-Entgelt für Stromerzeugungsanlagen um durchschnittlich 30 Prozent steigen.

Rund 200.000 Haushalte könnten von einem Sozialtarif profitieren, der bis zu einem Verbrauch von 2.900 Kilowattstunden bei 6 Cent liegen soll. Neu ist auch die Verpflichtung für Netzbetreiber, Verbrauchsdaten im Viertelstundentakt auszuwerten.

Die nächste Smart-Meter-Generation erfordert gemeinsame Standardisierungsbemühungen.

 

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Mehr Flexibilität, weniger Kosten

Dass sich die Bundesregierung nach langem Warten endlich einig ist, wird seitens des Interessenverbands Oesterreichs Energie begrüßt. Kritisch steht Geschäftsführerin Barbara Schmidt dem marketingtechnischen „Framing“ gegenüber: „Die Bezeichnung ,Günstiger-Strom-Gesetz‘ suggeriert Rabattschlachten. Das wird der größten Systemtransformation der Zweiten Republik einfach nicht gerecht.“

Positiv beurteilt werden die Schritte hin zu einer effizienteren Nutzung des Systems. „Dass nicht mehr alle erneuerbaren Kapazitäten ohne Rücksicht auf die Systemkosten ins Netz integriert und neue Anreize zur Steigerung des Eigenverbrauchs geschaffen werden, dämpft die Ausbaukosten und schafft mehr Flexibilität.“ Netznutzungsentgelte für Einspeiser werden jedoch als Belastung der österreichischen Erzeugung abgelehnt. Schließlich fallen derartige Kosten bei Stromimporten unklarer Herkunft aus dem Ausland nicht an.

Barbara Schmidt (Oesterreichs Energie): „Um Erzeugungsspitzen abzufedern, braucht es Anreize für PV-Anlagen mit alternativen Ausrichtungen und Neigungen.“
„Der Name ,Günstiger-Strom-Gesetz‘ suggeriert Rabattschlachten. Das wird der größten Systemtransformation der Zweiten Republik nicht gerecht.“ - © Martin HörmandingerOesterreichs Energie

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