Gerhard Fida und Peter Reichel im Interview : OVE: Ein Blick zurück, zwei Schritte nach vorn

Generalversammlung 2025

Interview mit der OVE-Spitze: Präsident Gerhard Fida (links) und Generalsekretär Peter Reichel (rechts)

- © OVE/Christian Fürthner

Elektropraxis: Herr Fida, Sie stehen seit gut einem Jahr an der Spitze des OVE. Wie blicken Sie auf Ihr erstes Präsidentschaftsjahr zurück?

Gerhard Fida: Es war ein schönes und gleichermaßen anspruchsvolles Jahr. Schön einerseits, weil wir wirtschaftlich sehr erfolgreich waren. Andererseits sind wir sehr stolz auf unsere Mitgliederzahlen, wir zählen seit vielen Jahren erstmals wieder über 2.100 Mitglieder. Der OVE hat intensiv am Thema Energie- und Mobilitätswende mitgearbeitet, verschiedenste Gespräche mit Energiesprecher*innen geführt und ist jetzt auch ganz aktuell mit dabei, wenn es um den „Made in Europe“-Bonus geht. Bei der letzten Generalversammlung haben wir mit Robert Tesch zudem einen neuen Vizepräsidenten gewählt und anschließend erstmals ein Sommerfest veranstaltet. Insofern ist das Jahr sehr schnell vergangen, muss ich sagen.

Herr Reichel, nach über 20 Jahren als OVE-Generalsekretär steht 2026 Ihr Ruhestand an. Wie zieht man Bilanz nach so einer langen Zeit?

Peter Reichel: Ich knüpfe einfach gleich an unseren Präsidenten an. Denn diese Dinge haben alle eine Geschichte. Wenn man sich die Nachwuchsaktivitäten des OVE ansieht, darunter etwa die Join the Future Kampagne, ist es wirklich gelungen, die Branche zu vereinen. Wir haben vor etwa zehn Jahren begonnen, uns noch mehr als Dienstleister und Branchenverband zu positionieren, deshalb war es wirklich besonders, für diese Kampagne gemeinsam aufzutreten. Dazu kommen unsere eigenen Nachwuchsaktivitäten wie die Young Engineers, Girls! TECH UP, der LET’S TECH Day und mehr – das alles hat sich in den letzten Jahren wirklich gut entwickelt. Daran lässt sich auch die Gesamtentwicklung des OVE skizzieren: Wir verändern uns. Zwischen 2004 und 2024 ist der Verband wesentlich offener geworden.

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Zwischen 2004 und 2024 ist der Verband wesentlich offener geworden.
Peter Reichel

Meilensteine in 20+ Jahren OVE

An welche Meilensteine erinnern Sie sich besonders gerne?

Reichel: Es gab natürlich große Projekte, zum Beispiel den Aus-, Um- und Neubau unserer Räumlichkeiten im Haus der Ingenieure zwischen 2012 und 2014. Dazu kommt der Aufbau eigener Plattformen: Die Studierenden-Plattform Young Engineers, die Studierenden und Berufseinsteiger*innen einen Platz im OVE gibt und die Frauenplattform, OVE Fem, die sehr aktiv ist. Im wirtschaftlichen Sektor wurde ALDIS in die OVE Service GmbH ausgegliedert, und vor zwei Jahren den deutschen Blitz-Informationsdienst BLIDS dazugekauft. Damit betreiben wir das größte Blitzortungssystem im deutschsprachigen Raum. 

Ein wesentliches Ereignis war auch die Neuformulierung des ETG, die den OVE als die elektrotechnische österreichische Normungsorganisation gesetzlich verankert hat. Was ich persönlich sehr wichtig finde, ist, dass wir die Öffnung hin zu den erneuerbaren Energien im Verband abgebildet haben. Ich denke gerne an eine Folie zur Verbandsfunktion zurück, die ich 2004 bei meiner Designierung als Generalsekretär gezeigt habe: Das Ziel, als einziger Verband sowohl Industrie, Gewerbe und Energiewirtschaft als auch die akademische Seite – also Forschung, Bildung und Lehre – zu vertreten. Diese Aufgabe haben wir, wie ich glaube, in den letzten Jahren sehr, sehr gut erledigen können.

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OVE Universum
Das "OVE Universum" heute - © OVE/Robert Six

Ihre Zielsetzung von 2004 können Sie also mit gutem Gewissen abhaken?

Reichel: Ich würde sagen, dass wir ein paar wirklich wichtige Meilensteine geschafft haben. Es ist natürlich eine Entwicklung und ich glaube, man kann immer besser werden. Aber abgesehen davon ist mir schon wichtig, dass nicht ich das geschafft habe, sondern der Verband mit seinen Mitarbeiter*innen und Funktionären. Es gab auch sehr wertvolle Akzente von den Präsidenten. Das ist ein gemeinsames Wirken und ein gemeinsames Verständnis, was man umsetzen kann.

Fida: Hier muss ich kurz einhaken. Wir als Präsidenten, und es gab ja schon mannigfach viele seit der Gründung, sind bekanntlich für einen gewissen Zeitraum gewählt. Aber die Konstante ist die Geschäftsstelle mit dem Generalsekretär, also der Verband selbst. Wir haben das Glück, als Präsidenten den Verband nach außen zu repräsentieren und unsere Impulse einzubringen. Aber wenn das große Ganze nicht läuft, dann wäre uns das auch nicht möglich. Es ist einfach wichtig, dass es eine Organisation gibt, die funktioniert und auf die man sich als Präsident verlassen kann. 

Gerhard Fida, OVE-Präsident und Geschäftsführer der Wiener Netze
Gerhard Fida, OVE-Präsident und Geschäftsführer der Wiener Netze - © OVE/Schedl
Es wird total unterschätzt, wie wichtig es ist, dass der Generalsekretär nicht der Stürmer, sondern derjenige ist, der schaut, dass das Team spielt.
Gerhard Fida

Verbandsarbeit ist Teamarbeit

Sie beide arbeiten schon seit vielen Jahren zusammen – was konnten Sie in dieser Zeit voneinander lernen?

Fida: Dafür möchte ich mich gerne einer Fußballanalogie behelfen. Peter mag vielleicht kein Stürmer im Sinne von Vollgas sein, aber: Es wird total unterschätzt, wie wichtig es ist, dass der Generalsekretär nicht der Stürmer, sondern derjenige ist, der schaut, dass das Team spielt. Dann kommt professionelle Verbandsarbeit am Ende raus.

Reichel: Was ich unheimlich an dir schätze, ist deine wertschätzende Art, auf Leute zuzugehen, vor allem auf junge Personen. Auch wenn du in deinem Beruf eine große Verantwortung hast, bringst du anderen immer Empathie entgegen.

Wie geht es nun weiter in der Suche nach einer neuen Generalsekretärin oder einem neuen Generalsekretär?

Fida: Wir beginnen Anfang September mit der Suche nach einem Generalsekretär oder einer Generalsekretärin. Ich glaube, es wird eine Herausforderung werden, jemanden zu finden, der das in ähnlicher Weise so weiterlebt, mit dem Peter gemeinsam den Übergang bis zum nächsten Jahr im Sommer schafft und danach natürlich auch unseren Verband weiterbringt. Als ich die Präsidentschaft übernommen habe, war mir schon klar, dass dieser Zeitpunkt kommt. Trotz meiner Versuche konnte ich Peter leider nicht überreden, doch noch ein bisschen dranzuhängen. (lacht)

Der OVE ist ein Team und nicht nur der Generalsekretär, der anschafft.
Peter Reichel

Dann direkt die Frage an Sie, Herr Reichel: Welches persönliche Learning würden Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger mitgeben?

Reichel: Eine offene Gesprächskultur ist das um und auf. Das habe ich immer versucht zu leben. Der OVE ist ein Team und nicht nur der Generalsekretär, der anschafft. Da gibt es zum einen die Bereichsleitungen und zum anderen die Funktionär*innen mit dem Präsidium, die ganz wesentlich einbezogen werden müssen. Ich habe immer auf Transparenz gesetzt, damit jederzeit jede*r im Wesentlichen weiß, was im Verband vorgeht. Auch das Hochhalten der Positionierung des Verbands in der Branche ist ganz wesentlich. Das sind die allgemeinen Dinge, der Rest ist persönlich – jede*r entwickelt etwas anders, aber der große Rahmen sollte immer Beachtung finden. 

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Peter Reichel, OVE-Generalsekretär
Peter Reichel, OVE-Generalsekretär - © OVE/Christian Fürthner

Elektrotechnik so spannend wie noch nie

Mit Blick auf den großen Rahmen: Welche Herausforderungen und Branchenthemen erwarten den OVE in naher Zukunft?

Fida: Sehr viele. Konkret erstmal das ElWG – damit kommen neue Rahmenbedingungen auf uns zu, das ist ganz klar. Aber es passiert auch auf der technischen Seite wahnsinnig viel. Zum Beispiel das Thema Vehicle-to-Grid, wo Elektrofahrzeuge zum Teil des hauseigenen Speichers gemacht werden. Wir stehen vor einer Digitalisierung des gesamten Niederspannungsnetzes. Es geht darum, dass dann Anlagen aus der Ferne bedient und gesteuert werden können. Es geht um banale Dinge wie Netzrückwirkungen, die für uns Techniker*innen überhaupt nicht banal sind. Künstliche Intelligenz ist ebenfalls ein Thema. Aber für die Montage einer PV-Anlage, einer Wallbox, einer Trafostation oder die Digitalisierung der Netze wird es weiterhin Fachkräfte brauchen und keine KI. 

Auch das Thema Resilienz ist ein schönes neues Wunderwort, aber trotzdem sehr, sehr wichtig. Nicht nur, dass man sich um den Wirtschaftsstandort Europa kümmert, den ich für essenziell halte, sondern auch, dass es keine anderweitigen Themen gibt, die Europa zum Wanken bringen. Darauf müssen wir meiner Meinung nach mehr Gedanken verwenden. Was der OVE hier jedenfalls tun kann, ist eine objektive, sachlich basierte Position einzunehmen. Dafür bündeln wir in unseren Positionspapieren bewusst die Expertise von Wissenschaft, Industrie, Energiewirtschaft und mehr zu einer abgestimmten, objektiven Position, die wir an Entscheidungsträger*innen weitergeben. Ehrlich, die Zeiten in der Elektrotechnik waren noch nie so spannend wie jetzt.

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Gerade mit der Digitalisierung dreht sich das Rad immer schneller. Was hat sich beim OVE in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend verändert – und was ist gleichgeblieben?

Fida: Außer dem Generalsekretär. (lacht)

Reichel: Die Aufgabenstellung ist ziemlich gleichgeblieben. Die Gründung hatte damals 1883 ja das Ziel, einen Verband zu schaffen, der für Richtlinien zum sicheren Gebrauch von Elektrizität sorgt. Gleichzeitig hat man auch gesagt, der Verband soll ein Ort für Personen sein, die sich mit Elektrotechnik beschäftigen und sich dafür interessieren. Diese Gründungsideen prägen den Verband nach wie vor. Veränderung gibt es hingegen gerade in der Zusammenarbeit mit jungen Leuten, die für mich sehr erfüllend ist. Den Werdegang ehemaliger Young Engineers zu verantwortlichen Positionen in der Branche mitzuverfolgen, ist etwas Besonderes, was ich in meiner Position als Generalsekretär besonders schätze.

Die Begeisterung der Mädchen für Technik ist da, aber wir müssen sie noch mehr befeuern.
Gerhard Fida

Ausbildungsinitiativen und Attosekunden

Der OVE engagiert sich seit Jahren stark für den Nachwuchs. Sind neue Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel geplant?

Fida: Ja. Viel Herzblut ist im letzten Jahr zum Beispiel in unsere Girls! TECH UP-Aktivitäten geflossen, für die wir heuer zum ersten Mal im Westen von Österreich in der FH Kufstein waren. Vor Ort konnten wir 200 Mädchen begrüßen, es war wirklich eine tolle Veranstaltung. Die Begeisterung der Mädchen für Technik ist da, aber wir müssen sie noch mehr befeuern. Wir setzen beim beliebtesten Lehrberuf mit Join the Future wichtige Akzente gemeinsam mit der Innung, Oesterreichs Energie, dem Fachverband und dem Bundesgremium. Dazu gibt es schon Gespräche über eine Weiterentwicklung mit neuen Werbemitteln. Wichtig ist jedenfalls, dass wir durch diese Aktivitäten, auch die Eltern dazu bekommen, ihre Kinder zu ermuntern, in einen technischen Beruf zu gehen. Es kommt Bewegung rein, aus meiner Sicht geht es aber immer noch zu langsam.

Zum Abschluss: Gibt es eine Anekdote aus zwei Jahrzehnten OVE, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Reichel: Ein ganz besonderes Erlebnis war eine High Profile Lecture des OVE und der TU Wien. Nobelpreisträger Ferenc Krausz hat dort einen Vortrag über seine Attosekunden-Technologie gehalten. Als er mit dem Vortrag begann, ging die Tür auf und in den Saal kam … Herr Professor Anton Zeilinger. Plötzlich hatten wir als OVE dann eine Veranstaltung gemeinsam mit zwei Nobelpreisträgern aus Österreich! Ich glaube, das ist etwas, was wir in den nächsten 100 Jahren in dieser Form nicht mehr erleben werden. 

„Join the Future“: Brancheninitiative für Image der Elektrotechnik
„Join the Future“: Eine gemeinsame Brancheninitiative für das Image der Elektrotechnik - © zukunftserfinderinnen.at