Stromnetz Europa 2050 : EU-Stromnetz von morgen: Geplante Investitionen sind zu niedrig

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Der Europäische Rechnungshof hat die Ertüchtigung des EU-Stromnetzes analysiert.

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Die EU will ihre Abhängigkeit im Bereich Energie verringern – und das bevorzugt durch erneuerbare Energien, um auch dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Dem muss auch das Stromnetz – wortwörtlich – gewachsen sein, da es für eine höhere Einspeisung erneuerbarer Energien sowie einen weiter zunehmenden Stromverbrauch gewappnet sein muss. Dafür sind in der EU noch größere Anstrengungen nötig, wie der Europäische Rechnungshof vorrechnet. 

„Ein Großteil des Stromnetzes der EU stammt aus dem letzten Jahrhundert, und fast die Hälfte der Leitungen ist über 40 Jahre alt. Um die Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit der EU sicherzustellen, brauchen wir eine moderne Infrastruktur, die unserer Industrie nutzt und die Preise im Rahmen halten kann", lautet Keit Pentus-Rosimannus' Fazit, die als Mitglied des Europäischen Rechnungshofs für den Bericht zuständig ist. Dort rechnet man damit, dass sich die Stromnachfrage in der EU bis 2050 voraussichtlich mehr als verdoppeln wird. In Österreich rechnet man bereits 2040 mit einer Verdoppelung, bis dahin will das Land die Klimaneutralität erreicht haben.

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Geplante Investitionen der Netzbetreiber zu niedrig angesetzt

„Erhebliche Investitionen ins Stromnetz sind daher unbedingt erforderlich", betont Pentus-Rosimannus. Man müsse jedoch alle Hebel in Bewegung setzen, um den Investitionsbedarf so gering wie möglich zu halten – etwa durch neue Technologien, Speichermöglichkeiten und flexiblere Netze. Umfangreiche Investitionen in die Netze seien entscheidend, um das alternde Stromnetz der EU zu modernisieren und den Übergang von fossiler zu grüner Energie zu unterstützen. Wenn das derzeitige Tempo anhalte, würden sich die geplanten Investitionen der Netzbetreiber zwischen 2024 und 2050 auf insgesamt 1.871 Milliarden Euro belaufen. 

⇨ Gut zu wissen: In Österreich will der Übertragungsnetzbetreiber APG bis 2032 rund 3,5 Milliarden Euro in den Netzaus- und Umbau investieren. Das sind rund 19 Prozent der insgesamt 18 Milliarden Euro, die die österreichische E-Wirtschaft in den kommenden zehn Jahren in die Netzinfrastruktur investieren will. 

Das ist weiderum weniger als der von der EU-Kommission geschätzte Investitionsbedarf, der zwischen 1.994 und 2.294 Milliarden Euro liegt. Die Modernisierung müsse laut Pentus-Rosimannus beschleunigt werden, sie werde jedoch durch schlechte Netzplanung, langwierige Genehmigungsverfahren, begrenzte öffentliche Akzeptanz sowie einen Mangel an Ausrüstung, Material und qualifizierten Arbeitskräften behindert. Die Prüfer schlagen Abhilfemaßnahmen wie eine bessere Koordinierung von Netzplanungsverfahren, die Straffung von Genehmigungsverfahren und den Einsatz moderner Technik vor.

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Wege zum Stromnetz von morgen

Eine Optimierung des Stromnetzes könne dazu beitragen, den Investitionsbedarf zu senken, so die Prüfer. Der Druck auf das Netz könne durch eine flexiblere Anpassung an tägliche, wöchentliche und saisonale Schwankungen des Energieverbrauchs und der Energieerzeugung verringert werden. Dann sei es auch nicht mehr unbedingt erforderlich, das Netz in großem Stil auszubauen. Die Technik biete hier viele Möglichkeiten (z. B. durch Entwicklung und Ausbau neuer Speicherlösungen), auch wenn einige Optionen möglicherweise noch zu teuer seien. 

Auch ein Ausbau der Verbundnetze zwischen den verschiedenen EU-Ländern solle als Lösungsansatz ins Auge gefasst werden. Instrumente wie intelligente Zähler könnten Nachfragespitzen wirksam ausgleichen, aber ihre Einführung gehe in einigen Mitgliedstaaten nach wie vor nur schleppend voran. In Österreich haben die Wiener Netze bereits über 1,5 Millionen Smart Meter in ihrem Versorgungsgebiet installiert – der größte Zählertausch im deutschsprachigen Raum. Außerdem könnten Verbraucher*innen, die lokal Strom erzeugen, und Energiegemeinschaften, die gemeinsam Strom erzeugen und verbrauchen, eine wichtige Rolle spielen.

Auswirkungen auf Stromkosten unklar

Die rechtlichen Rahmenbedingungen seien für Investitionsentscheidungen ebenfalls sehr wichtig. Finanzierungsregelungen seien besonders wichtig in einer Situation, in der einige Betreiber erhöhten Kreditrisiken ausgesetzt seien und Mühe hätten, Zugang zu den nötigen Vorabinvestitionen zu erhalten. Außerdem werde reguliert, wie viel Betreiber verdienen dürfen und wie sie vergütet werden. Den Nutzer*innen würden gewöhnlich Netztarife in Rechnung gestellt, die es den Betreibern ermöglichten, eine Rendite aus ihren Netzinvestitionen zu erzielen und gleichzeitig den Wertverlust von Anschaffungen sowie die Betriebskosten zu decken. 

Es sei jedoch eine Herausforderung, einerseits dem Investitionsbedarf gerecht zu werden und andererseits die Stromkosten für die Verbraucher*innen im Rahmen zu halten, insbesondere für Haushalte und Industriebranchen mit hohem Energieverbrauch. Welche langfristigen Auswirkungen Netzinvestitionen und die Einbindung erneuerbarer Energiequellen auf die Stromrechnungen haben werden, lässt sich den Prüfern zufolge kaum vorhersagen.

Hintergrund

In den letzten Jahren wurden mehrere Initiativen und Legislativpakete entwickelt, um die Klima- und Energieziele der EU zu erreichen. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Notwendigkeit erhöht, Alternativen zu Gas zu finden. Dazu gehört auch die Elektrifizierung der EU-Wirtschaft. Im Haushaltszeitraum 2014–2020 standen EU-Mittel in Höhe von rund 5,3 Milliarden Euro für Investitionen in die Stromnetze zur Verfügung. Zwischen 2021 und 2027 stieg der Betrag auf rund 29,1 Milliarden Euro, was hauptsächlich auf die Aufbau- und Resilienzfazilität (ARF) zurückzuführen ist, aus der die meisten Mittel stammen.

Für diese Analyse nutzten die Prüfer öffentlich zugängliche Informationen und Materialien, die speziell dafür zusammengestellt wurden. Sie haben die Netzentwicklungspläne der EU-Länder überprüft und die Daten über die finanzielle Kapazität von Netzbetreibern analysiert. Die Prüfer führten außerdem Informationsbesuche in Deutschland und Italien durch und trafen sich mit der EU-Kommission, nationalen Regulierungsbehörden und anderen Interessenträgern, um den aktuellen Zustand der Netze, bewährte Verfahren und Herausforderungen zu analysieren. 

⇨ Die Analyse 01/2025 "Das Stromnetz der EU fit machen für Netto-Null-Emissionen" ist auf der Website des Europäischen Rechnungshofs abrufbar.

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